Hase im hohen Gras. Nur der Kopf schaut heraus.

Neue Absatzwege für regionale Wolle

31.01.2022 Erstellt von DVS/LandInForm

Schafwolle ist in Deutschland heutzutage meist Abfall. Mit dem Projekt „RhönWollets – Schafwollpellets aus der Rhön“ haben Schafhaltende im UNESCO-Biosphärenreservat Rhön wieder eine Nutzung für sie gefunden: als ökologischer Langzeitdünger.(von Anna-Lena Bienck)

Die Rhön, eine idyllische Mittelgebirgslandschaft im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen, ist ohne Schafe schwer vorstellbar. Die Herdentiere – allen voran das Rhönschaf mit seinem typischen schwarzen Kopf und weißen Beinen – sind charakteristisch für das Landschaftsbild der Region. Als Landschaftspfleger auf vier Beinen leisten sie heute und seit jeher einen wichtigen Beitrag zur Offenhaltung der Grünlandflächen und somit zum Erhalt der Rhöner Kulturlandschaft. Die heute als UNESCO-Biosphärenreservat geschützte Rhön ist bekannt für ihre großflächigen und artenreichen Bergwiesen und Magerrasen. Zu dieser landschaftlichen Besonderheit trug die traditionelle Beweidung bei: Sie verhinderte nach der Abholzung der ursprünglich ausgedehnten Buchenwälder des Mittelalters die Wiederbewaldung der Flächen.

Vor Jahrhunderten bevölkerten Tausende Schafe die Hochlagen und Täler der Region. Ihre Wolle wurde zu Kleidung verarbeitet, der Kot war ein wertvoller Dünger für die Felder und das Fleisch eine wichtige Nahrungsquelle. Das Fleisch des Rhönschafs als regionsspezifische Landschafrasse wurde sogar als Delikatesse gerühmt und über die Rhöner Grenzen hinaus an Pariser Höfen und in Londoner Gourmet-Restaurants als Spezialität serviert.

Wiederbelebung nach Wertverlust


Doch die guten Zeiten für die wolligen Gesellen gingen Mitte des 20. Jahrhunderts zu Ende. Nicht nur der Bestand des Rhönschafs, sondern sämtliche Schafbestände verringerten sich in Deutschland drastisch. Gründe hierfür lagen im Verfall des Wollpreises durch das Aufkommen von Baumwolle und synthetischen Textilien und in der Intensivierung der Landwirtschaft. Erst durch das beharrliche Engagement einiger Schäfer, das gezielte Einsetzen der Rhönschafe in Naturschutzprojekten, die Unterstützung durch den BUND Naturschutz und das Wiederentdecken des Lammfleischs in der Gastronomie – unterstützt durch Projekte im Biosphärenreservat – konnte die Anzahl der Rhönschafe wieder gesteigert werden. Der Bestand hat sich so weit erholt, dass das Rhönschaf seit 2020 wieder von der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Haustiere verschwunden ist.


Die Schäfereien in der Rhön vermarkten Schaffelle und Lammfleisch. Ihre Haupteinnahmequelle ist aber die Vergütung der Naturschutzleistungen in der Landschaftspflege. „Wir setzen die Schafe dazu ein, die Landschaft offen zu halten – für das Land der offenen Fernen, wie sich die Rhön selbst nennt“, sagt Klaus Keidel. Im Hauptberuf ist er bei einer Straßenmeisterei beschäftigt, im Nebenerwerb hält er eine Herde Rhönschafe, für die er sich seit den 1990er-Jahren begeistert. „Sie sind genügsam, robust und liebevoll. Etwas zum Erhalt der Rasse zu tun, ist mir ein Anliegen.“ Die Schafhaltung rechnet sich für Keidel aber nicht – so geht es vielen Schäfereien der Region. Insbesondere die Absatzwege und Verarbeitungsmöglichkeiten für Rohwolle sind unrentabel geblieben – und zwar bei allen Schafrassen.

Der wertvolle und nachwachsende Rohstoff findet kaum mehr Wertschätzung und Abnehmer. „Bekleidung wird heute weltweit produziert, vieles findet in China statt. Heimische Wolle ist fast nicht mehr nutzbar“, sagt Janet Emig vom Verein Natur und Lebensraum Rhön (VNLR) – Förderverein des Biosphärenreservats auf hessischer Seite. Dennoch müssen die Schafe ein- bis zweimal pro Jahr geschoren werden und für diese Dienstleistung fallen Kosten an, die nicht gedeckt sind. „Wir haben zum Teil nur noch 35 Cent pro Kilo Wolle bekommen“, sagt Keidel. „Damit kann man noch nicht einmal den Scherer bezahlen.“ Denn die Schur kostet bis zu zehnmal so viel. Auch für das Entsorgen der Wolle fallen Kosten an.

Statt sie wegzuwerfen, könnte man die Wolle als organischen Dünger nutzen – und damit vielleicht wieder Gewinne erzielen. Diese Idee entwickelte Janet Emig gemeinsam mit Nadja Schneider, die bei der Rhön GmbH in der Abteilung „Dachmarke Rhön“ tätig ist. „Wir möchten, dass die Wolle wieder ein Wertstoff wird“, so Emig. Gemeinsam riefen sie 2020 das Projekt zu Düngepellets aus Rhöner Schafwolle – die RhönWollets – ins Leben. Getragen wird es vom VNLR, der Abteilung Dachmarke der Rhön GmbH sowie der hessischen Verwaltung des Biosphärenreservats. Ziel ist es, dazu beizutragen, das Schaf wieder als Ganzes zu vermarkten und die Wertschätzung für Rohwolle zu erhöhen.

Düngeridee findet Freunde


Schafwolle ist reich an gebundenen Nährstoffen, die langsam an die Erde abgegeben werden. Sie eignet sich somit als Langzeitdünger: Die Nährstoffverfügbarkeit für die Pflanzen beträgt rund zehn Monate. Zusätzlich dienen die Pellets als Wasserspeicher. Sie können das Dreifache ihres Eigengewichts an Wasser aufnehmen und versorgen die Pflanze also auch in Trockenphasen; beim Gießen kann Wasser gespart werden. Der Dünger eignet sich für Blütensträucher, Stauden, Gemüse und Kohlarten, genauso für Beeren und anderes Obst.

Mit ihrer Idee wandten sich die beiden Projektverantwortlichen an die Schäferei-Betriebe aus den Netzwerken der Dachmarke und des Vereins Natur und Lebensraum Rhön – und rannten damit offene Türen ein. Nach umfangreichen Planungen und Infoveranstaltungen ging es im Dezember 2020 richtig los: Die anfallende Wolle aus der Rhön wurde zum ersten Mal zentral gesammelt und von der Firma Nature Power Pellets im bayerischen Wemding zu Düngepellets verarbeitet. Dafür wird die Wolle gereinigt und anschließend gepresst. Neun Schäfereibetriebe trugen auf dem Hof „WernerGut“ von Norbert und Simon Werner im hessischen Kalbach rund zwei Tonnen Wolle zusammen. Verkaufsstart der Pellets in zwei Packungsgrößen – ein Kilogramm oder 2,5 Kilogramm – war im Frühjahr 2021.

Die Nachfrage stieg innerhalb kürzester Zeit enorm, mittlerweile sind die RhönWollets nicht nur bei den teilnehmenden Betrieben, sondern auch an weiteren Verkaufsstellen in Bayern, Hessen und Thüringen erhältlich. Für die Wollpellets wurde von Anfang an ein realer Marktpreis erzielt: Ein Kilo kostet elf Euro. Das Produkt kann sich also ohne anderweitige finanzielle Unterstützung auf dem Markt behaupten.

Entwicklungspotenzial


Für die Betriebe gilt es, die gemeinsame Vermarktung nun zu verstetigen. „Nach dem Anschubsen durch das Projekt sollen sie sich langfristig eigenständig organisieren und die Strukturen und Vermarktungsstrategien der Wollets weiter ausbauen und stärken“, sagt Emig. Das stellt die Betriebe vor Herausforderungen – die meisten betreiben die Schäferei im Nebenerwerb. Deshalb wird das Projekt in kleinen Schritten weitergehen. Der nächste ist, den Namen „RhönWollets“ markenrechtlich zu schützen. Das wurde bereits in die Wege geleitet. Einen finanziellen Impuls gibt das Preisgeld in Höhe von 1 000 Euro, das Landwirt und Schafhalter Andreas Schlembach aus dem bayerischen Münnerstadt – stellvertretend für das RhönWollet-Netzwerk – im vergangenen Jahr gewonnen hat: Der Deutsche Verband für Landschaftspflege kürte den Betrieb im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs „Modellbetriebe Bioökonomie in den Mittelgebirgen“ zu einem der drei Sieger in der Kategorie „Innovative Produkte“.
Familie Schlembach, Klaus Keidel und die neun weiteren beteiligten Schäfereibetriebe aus der Rhön wollen mit dem Projekt weitermachen. „Andere Schäferinnen und Schäfer aus der bayerischen, hessischen und thüringischen Rhön sind eingeladen, mitzumachen“, sagt Emig.

Quelle: DVS/LandInForm

 

 

 

 


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